"Only In India" Reisebericht nr. 2 - Jan. 2018

Das besondere an der Gegend sind ein wunderbarer Ausblick auf das ganze Himalayamassiv, extrem schöne Sonnenauf- und -Untergänge in verschiedensten Varianten - von klar bis bewölkt oder feinen Luftschichten durchzogen - die klare Luft (Prana ist förmlich spürbar) und endlosen Pinienwälder, manchmal durchbrochen von gestuften Reis- und meist Schwarzteeplantagen mit elegant gerundeten Grenzmarkierungen. Das Geschnatter der lokalen Teeblattpflückerinnen ist weithin zu hören, (für mich) weniger zu verstehen. Aber ich versäume wohl nichts dabei…

Da hab' ich einfach mal mitgemischt... ;-) - auch wenn ich selbst keinen Schwarztee trinke. In Indien manchmal, wenn das Wasser gefiltert ist.

In der zweiten Woche werde ich im Ashram als Trainerin und Supervisorin der Ayurvedatherapeutinnen eingesetzt, denn symmetrische Massagen und Bewegungen sowie gerade Linien liegen Indern ja nicht unbedingt im Blut. Grundsätzlich geht es bei der ayurvedischen Reinigungskur nicht nur um Reinigung des Körpers sondern auch um Gleichgewicht in Geist und Emotionen, letztendlich um Verfeinerung und Bewusstseinsentwicklung. Die Gehirnwellenkohärenz wird laut Untersuchungen durch die gegengleichen Bewegungen der massierenden Hände der beiden Therapeutinnen unterstützt. Ich beobachtete mit Faszination den Effekt deren meist asymmetrischen Bewegungen. Es fühlte sich an als würden sich die Gehirnhälften verschieben, etwas in mir wurde schief(er)…. Zum Schluss klappte es dann ganz gut. Die Übersetzerin bezweifelte jedoch, ob die Genauigkeit und Professionalität, die wir in den 12 Tagen mühsam erarbeitet hatten, bei den nächsten Patientinnen noch anhalten würde………………onlyinIndia.

 

In Kausani gibt es ausserdem einen Frauenashram, der sowie auch Anamay Ashram eine biologische Gärtnerei hat und für mich zu den saubersten Orten gehört, die ich in diesem Land der extremen Gegensätze bisher gesehen habe.

 

Die Maharishi Pandits (Brahmanen und Brahmnensöhne) sind in ganz Indien hochgeschätzt als gelehrte und qualitativ hochwertige "Chanter", welche das Rezitieren von Sanskrit-Slokas von Kleinauf lernen. Das Anhören und Ausführen von Yagyas, den vedischen Heilungszeremonien harmonisiert das Kollektivbewusstsein und bringt Frieden im Universum nach dem Motto "Vermeide die Gefahr, bevor sie eintritt" - Heyam Dukham Anagatam!

Ich bewundere ihre klare, gesunde und männliche bzw. in sich ruhende Ausstrahlung, ihr gutes Benehmen (in Indien nicht selbstverständlich) und stundenlang anhaltendes auswendiges Chanten - ohne aus dem Schneider- oder Lotussitz aufzustehen, ohne Blasendrang (für Frauen ohnehin schwerer nachvollziehbar), ohne Essen geschweige denn Trinken. Disziplin ist ihre Stärke:

Bei aller Tierliebe... die Affen hielten mich ganz schön auf Trab in den Ruhezeiten und nachts tumelte sich eine Familie von Marder ähnlichem Viehzirkus mit ständigem trabtrab und fiepfiep über meinem Kopf am Blechdach herum.

Vor meiner Abreise hatte ich einen klaren Wunsch, ein letztes Foto von Affen zu machen, ging in mein Zimmer - und da war er/sie/es: ein Riesengetier, das fast das ganze Fenster ausfüllte. Angeblich eine Meerkatze, die dann das Fensterglas abschleckte :-). Hunger? Liebe? Feuchtigkeit?

Kühe sind ja bekanntlich heilig hier und haben auch im Straßenverkehr Vorrang. Leider fressen sie zu gerne von den mit Plastik übersäten Müllhaufen, die ihnen nicht selten die Mägen verderben. Wisst ihr, warum die Brahminkühe einen Höcker am Nacken haben? Ist ein toller Wasserspeicher, die Natur ist einfach genial kreativ!

 

Nach zweieinhalb Wochen fahre ich mit dem Ashramleiter per Auto und Zug nach Delhi und weiter nach Noida, wo ich von der Familie des Ayurvedaarztes Vaidya Adchyut Tripathi, der 1985 den Maharishi Ayurveda in Indien aufbrachte und auch im Westen mit verbreitete (inzwischen international als einer der renommiertesten Ayurvedasysteme bekannt) sehr herzlich aufgenommen werde. Privatsphäre ade! Ich versuche nicht einmal mehr, etwas dafür zu tun. Mein kleines (Durchgangs-)Zimmer ist eigentlich ein Büro und wird auch weiterhin als solches gesehen und benutzt. Klein und Groß nimmt Anteil an meinem Kofferinhalt, wobei ich mir nicht die geringste Sorge bezüglich Sicherheit zu machen brauche. Aber manchmal ist Rückzug angesagt bei all den unzähligen Eindrücken. Als jedoch während meiner nächsten Meditation die 38-jährige Tochter des Hauses ohne Voranmeldung die Zimmertüre aufreisst und laut „Wali I need bulb!“ ins dunkle Zimmer rein schreit, da ist es mir schon mal etwas zu viel. Dennoch gebe ich ihr still und freundlich die Glühbirne, welche sie mich beim Einkauf gebeten hatte für sie aufzuheben. Das grell auf mein Gesicht einfallende Licht hat mich etwas geblendet und so dauert es dann eine Weile, bis in mir wieder alles zur seligen Ruhe kommt. 

Sie haben und brauchen im Haus weder Heizung noch Glas, die Fenster bestehen aus einem offenen Gittergerüst. Es ist Winter und zur Zeit so etwas über dem Gefrierpunkt. Umso konsequenter mache ich die Yoga Asanas, besonders die anstrengenden, kräftigenden… den „Skorpion“ halte ich inzwischen neuneinhalb Sekunden, bald noch länger! Hier ein paar Aufnahmen, als ich der Französin Mathilde (noch im Anamay Ashram) einige Yogaübungen zeigte:

Meine Erfahrungen gehen auf dieser Indienreise weniger in die Tiefe, dafür erfreue ich mich an vielen Details und alltäglichen Vorkommnissen, die meist unerwartet geschehen.

Da es im Kosmetiksalon am local market 30% Off gab, schenkte ich meinen durchs Reisen ziemlich beanspruchten Füßen eine Pediküre inklusive Fußmassage. Die ziemlich kompetente kleine Inderin versicherte mir mehrmals, dass sie keine Chemikalien auf meine wertvolle Haut geben würde - only natural. Aber Chemie ist in Indien etwas ganz Natürliches, sowie fake Silk auch zur Kategorie Seide gehört… falsche, aber dennoch „Seide“!

Nun, während der Behandlung standen 3 weitere Männer und zwei Frauen um die Fußwanne herum, sie begutachteten und kommentierten den Vorgang eingehend. Natürlich auf Hindi mit „all good Ma’m“ dazwischen. 

Fünf Euro für eine wunderbare Arbeit von 40 Minuten! Ich hoffe, die Therapeutin bezahlt für ihren Lebensunterhalt dementsprechend wenig… über mein Trinkgeld von 80 Cent bedankte sie sich freudestrahlend und hielt mir noch die Türe auf.

 

Eine Fahrt mit dem Nachtzug ist hier in der Zwischensaison komfortabler als im Westen. Ein ganzes Schlafwagenabteil für vier Personen ganz für mich allein, alles ruhig und friedlich. Sogar Internetverbindung (also WLAN als Schlafbegleitung….) und Ladestation für jegliche Geräte im Abteil. Am Beginn der Zugfahrt laufen alle paar Minuten Wärter durch, die Cookies, Getränke und Tomatensuppe loswerden wollen. Schon beim Gedanken daran spürte ich einen Druck im Kopf, und erst der Magen… Hände weg davon, wenn du dich nicht mit Krämpfen und Durchfall abgeben willst!

Der Zug hatte übrigen wegen Nebel an die acht (!) Stunden Verspätung... Da gilt nur noch: We take it as it comes. "No problem Didi, next station", beteuerten mir die mit fahrenden Inder viele Stunden lang auf mein wiederholtes Fragen, wann wir in Allahabad ankommen würden.

 

Traditionelle Inder verabschieden sich oft nicht. Man geht einfach auseinander und weiter seines Weges. Das mag für unsereins manchmal etwas eigenartig anmuten, vor allem wenn Freundschaften entstanden. Es passierte mir mehrmals, dass ich bemerkte: „Waas, der/die ist schon weg, kommt nicht mehr zurück und hat nichts gesagt…?“ Dafür war das jeweilige Zusammensein umso herzlicher, sehr unterstützend und gastfreundlich. Mit dem Loslasen und vertrauen tun sie sich anscheinend leichter.

 

Und hier noch ein paar visuelle Eindrücke von Land und Leuten:

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Kommentare: 1
  • #1

    Claudia (Dienstag, 09 Januar 2018 10:09)

    Was für ein toller Bericht und was für wunderschöne Bilder!!
    Vielen Dank!